Das Gauß-Weber-Denkmal in Göttingen

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Als am 100. Geburtstage von Carl Friedrich Gauss, dem 30. April 1877 in Braunschweig die Grundsteinlegung des Gaußdenkmals erfolgte, tat sich in Göttingen noch nichts vergleichbares. Anläßlich des Todes von Wilhelm Weber am 23. Juni 1891, gab es erste Ansätze ihn durch eine "Wilhelm-Weber-Statue" zu ehren. Der Oberbügermeister Merkel vertrat jedoch die Meinung, nicht nur Weber (1804-1891), sondern ihn und Gauß (1777-1855) durch ein gemeinsames Denkmal zu ehren. Im Mai 1892 erschien dann ein gedruckter Aufruf, den 6 Professoren der Universität Göttingen unterzeichnet hatten. An erster Stelle stand Felix Klein. Die Resonanz war geradezu überwältigend. Aus allen Teilen der Welt strömte das Geld zusammen. Es wurde ein Gauß-Weber-Denkmal-Comité gegründet, dem 17 Göttinger Prominente (12 Vertreter der Universität und 5 Vertreter der Stadt) angehörten.

Mit der Ausführung des Denkmals wurde der Berliner Bildhauer Prof. Ferdinand Hartzer (1838-1906) beauftragt. Hartzer war in Göttingen längst bekannt durch das Wöhlerstandbild, das Portraitrelief auf dem Merkelstein und mehrere Bildnisbüsten (z.B. Albrecht von Haller und Rudolf von Jehring). Daß es ein Doppelstandbild werden sollte, stand für Hartzer von Anfang an außer Frage. Es wurden Betrachtungen über die Gruppierung beider Figuren angestellt und Hartzer fertigte zwei Entwurfsmodelle. Das Gußmodell war Anfang 1898 fertiggestellt und wurde im gleichen Jahr auf der "Großen Berliner Kunstaustellung" gezeigt. Alle drei, das Gußmodell und die beiden Entwurfsmodelle sind leider verschollen, aber in alter Photographie erhalten. Für das Denkmal selbst wurde ein Standort hinter dem alten chemischen Institut (Hospitalstr. 10) in den Wallanlagen gewählt. (Der Wall wurde hier Ende des 19. Jahrhunderts abgetragen). Kaiser Wilhelm II hat dann noch die letzte finanzielle Lücke geschlossen, und am Sonnabend, den 17. Juni 1899 wurde es eingeweiht. Dieser Tag muß als einer der größten Festtage in der Geschichte der Universitätsstadt Göttingen betrachtet werden. So wie es damals selbstverständlich war, erfolgte die Einweihung mit ensprechender Feierlichkeit und erheblichen Aufwand. Es wurden aus dem Denkmal-Comité sechs Commissionen gebildet: Die Einlade-, Ausstellungs-, Festschrift-, Enthüllungs-, Deputations- und die Festessencommission.

Am Tag der Einweihung war laut dem Bericht der 'Göttinger Zeitung' vom folgenden Tage hervorragendes Wetter. Die Stadt Göttingen hatte reichen Flaggenschmuck angelegt. Das Monument selbst war durch vier große Vorhänge verhüllt. Für die Ehrengäste waren links und rechts des Denkmals je ein blau-weiß gestreiftes Zelt aufgestellt. Es begann um 10 Uhr mit dem Eröffnungsmarsch von Beethoven. Dann trat Geheimrat Woldemar Voigt (1850-1919, Prof. für theoretische Physik) an das Rednerpult um die Weiherede zu halten. Er gab ein fesselndes Lebensbild der Gefeierten und beleuchtete die wichtigsten Entdeckungen und Taten auf dem Gebiet der Wissenschaft. Am Ende der Weiherede fielen die vier Vorhhänge und die städtische Musikkapelle spielte die Händelsche Heldenweise. Darauf folgte eine kurze Ansprache des Oberbürgermeisters Calsow, die mit den bemerkenswerten Worten endete:
Ich übernehme das Denkmal in das Eigentum der Stadt mit dem feierlichen Versprechen, daß Göttingens Bürgerschaft in seiner Erhaltung und Pflege des Denkmals allzeit eingedenk sein wird, was sie dem Andenken dieser Heroen des Geistes und der Wissenschaft schuldig ist.
Drauf schlossen sich Glückwünsche und Kranzniederlegungen der zahlreichen Deputationen an. Danach wurden die neu verliehenen Ehrendoktortitel bekanntgegeben. Zum Schluß fand noch ein Festmarsch statt. Am Nachmittag um 2 Uhr gab es ein Festessen in der Union. Aber auch der wissenschaftliche Aspekt sollte nicht zu kurz kommen. Das Fest-Comité gab eine "Festschrift zur Enthüllung des Gauß-Weber-Denkmals in Göttingen" heraus. Sie bestand aus den wissenschaftlichen Abhandlungen von David Hilbert (Grundlagen der Geometrie) und von Ernst Wiechert (Grundlage der Elektrodynamik). Mehr an die Allgemeinheit wandte sich die Gauß-Weber-Ausstellung im großen Saal der Universitätsaula.

Das 19. Jahrhundert war sehr historisch orientiert. Die Mittel der bildenden Künste hatte man mit viel Mühe eingesetzt um sich die historischen Ereignisse in Denkmälern zu vergegenwärtigen. Dabei war man um authentische Wiedergabe und innere Anteilnahme des Betrachters bemüht. Den Guß des Standbildes hatte die renommierte Firma Gladenbeck in Berlin vorgenommen. (An den Seiten sind Inschriften angebracht. Links: "GUSS v. W. u. P. GLADENBECK." rechts: "F. HARTZER. FEC. 1899.".) Es ist auf einem sorgfältig polierten rötlichen Granit-Postament mit der Inschrift
CARL FRIEDRICH GAUSS
UND
WILHELM WEBER
Bemerkenswert an
dieser Ansichtskarte
ist die Bildunterschrift
"Gaußdenkmal"
plaziert. Der Sockel wurde von einem Achteck umschlossen, auf dem ein schönes schmiedeeisernes Geländer montiert war.

Photographie um 1900
Das Standbild zeigt die beiden Gelehrten - Gauß sitzend und Weber stehend - in angeregter Unterhaltung. Sie sprechen über den elektromagnetischen Telegraphen, dessen Erfindung ihnen 1833 gelungen war. Zwei Dinge veranschaulichen dies. Es ist zum einen der Draht, den Gauß in seiner rechten Hand hält (leider nicht erhalten) und dessen Spule, die zwischen ihren Füßen liegt. Zum anderen stützt sich Weber mit seiner linken Hand auf den telegraphischen Zeichengeber.
Das Doppelstandbild zeigt die beiden Gelehrten etwa gleichaltrig. Das entspricht nicht ganz der Wahreit, besteht doch zwischen beiden ein Altersunterschied von 27 Jahren. Weber war bei der Erfindung des elektromagnetischen Telegraphen erst 29 Jahre alt. Zunächst wollte Hartzer korrekt verfahren, ihm schienen aber, wie aus einem Brief an den Zoologen Ernst Ehlers hervorgeht, die Portraits aus Webers jüngeren Jahren nicht brauchbar zu sein. Es fehlten ihm die charakteristischen Züge von Weber. Er argumentiert, daß "in vielleicht 20 Jahren niemand an die Differenz des Alters denkt, sondern sie beide nur als die gemeinsamen Erfinder des Telgraphen betrachtet". Geheimrat Voigt sagte in seiner Weiherede: "Man war übereingekommen, den Altersunterschied zwischen Gauß und Weber nur ganz leise anzudeuten, im übrigen beide Männer in der Zeit ihrer vollsten Kraft darzustellen." Für Gauß hat Hartzer die Büste von Heinrich Hesemann (2 Ausführungen 1855) und die Medaille von Friedrich Bremer (1855) herangezogen. Vermutlich hat Hartzer aber noch auf zwei weitere Darstellungen Bezug genommen. Zum einen das gemalte Portrait von Christian Albrecht Jensen (1840), das Gauß in seinem Kostüm zeigt; und die Lithographie von Eduard Ritmüller, auf der Gauß' ganze Gestalt auf der Terasse der Göttinger Sternwarte zu sehen ist. (Man vergleiche die Füße!) Weiter konnte er auch auf das schon erwähnte Braunschweiger Standbild von seinem Berliner Kollegen Fritz Schaper (Enthüllung 1880) zurückgreifen. Für Weber verfügte Hartzer über die Totenmaske (leider verschollen), die er ihm selbst abgenommen hat und über verschiedene Photographien, die Weber im höheren Alter zeigten.

Göttingen ist in der glücklichen Lage, eines der wenigen bedeutenden Doppelstandbilder zu besitzen. Weitere Beispiele sind die Prinzessinengruppe von Johann Gottfried Schadows in der Berliner Nationalgalerie (1797), das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar von Ernst Rietschel (1856) und das Denkmal der Brüder Grimm in Hanau (1890?). Sehr bemerkenswert ist das Reformationsdenkmal von Johannes Schilling in Leipzig (1883, nicht erhalten). Es zeigt den sitzenden Luther und den stehenden Melanchthon (Abbildung links). Die Ähnlichkeit mit dem Göttinger Doppelstandbild ist nicht zufällig; Hartzer hat in Dresden das Modell des Leipziger Doppelstandbildes studiert. Allerdings war er von dem Werk Schillungs enttäuscht. Er hoffte aber, daß seine eigene Arbeit "bedeutend besser" ausfallen werde.
Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß für Carl Friedrich Gauß nur noch ein weiteres Denkmal errichtet wurde, nämlich in Berlin. Dieses dritte aber wurde im 2. Weltkrieg leider zerstört.
Rechts sehen wir zwei Photographien, auf der rechten erkennt man noch den Aufgang zum Wall, der zugunsten des Volksbank-Neubaus abgetragen wurde. extra
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Literatur
Karl Arndt. Denkmäler in Göttingen: Dichter und Gelehrte. Göttinger Jahrbuch 1975, S. 107-143 (insb. S. 139-143).
Karl Arndt. Zum Göttinger Gauß-Weber-Denkmal. Mitteilungen der Gauß-Gesellschaft 19 (1982), S. 5-14.
Horst Michling. Vom Gauß-Weber-Denkmal und seiner Einweihung. Mitteilungen der Gauß-Gesellschaft 6 (1969), S. 16-21.
Walter Nissen. Göttinger Denkmäler, Gedenksteine und Brunnen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 1978.


letzte Änderung: 28.02.2009 Stefan Krämer