Mathematik an der Universität Göttingen
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Emmy Noether (1882-1935)




Historisches


Historische Persönlichkeiten Göttingens in der Mathematik


Emmy Noether

Emmy Noether war die bedeutendste Mathematikerin, die bis heute gelebt hat und eine ganz außergewöhnliche Frau war.

Sie wurde 1882 in Erlangen geboren. Ihr Vater Max Noether war selbst Professor der Mathematik und zählt zu den Begründern der algebraischen Geometrie. Beide Eltern stammten aus gut situierten jüdischen Kaufmannsfamilien. Aus Emmys Jugendzeit wird wenig bemerkenswertes berichtet. Sie besuchte die "Städtische Höhere Töchterschule", an der damals nicht viel mehr gelehrt wurde als heute in der Unterstufe der Gymnasien. Anschließend beschäftigte sie sich weiter mit Englisch und Französisch und legte in diesen Fächern 1900 die Prüfung für Lehrerinnen ab, was sie berechtigte, an "Weiblichen Erziehungs- und Unterrichtsanstalten" die neueren Fremdsprachen zu unterrichten. Nun aber setzte ihr Interesse am Universitätsstudium und insbesondere an der Mathematik ein, und so finden wir in den Erlanger Verzeichnissen des Wintersemesters 1900/1901 neben rund 1000 männlichen Studenten die Namen zweier "Hörerinnen", die mit besonderer Genehmigung Vorlesungen besuchten, eine davon Emmy Noether. Gleichzeitig bereitete sie sich auf die Reifeprüfung vor, die sie 1903 bestand. 1907 wurde sie mit einer von Paul Gordan angeregten Invarianten Theoretischen Dissertation zum Dr. phil. promoviert.

Während der folgenden Jahre arbeitete sie ohne Anstellung oder Auftrag am Mathematischen Institut in Erlangen, teils zur Entlastung ihres Vaters, teils an eigenen Arbeiten, bis sie 1915 von Klein und Hilbert aufgefordert zur Vertretung und zur Mitarbeit an Fragen der Relativitätstheorie nach Göttingen kam. Ein erster Habilitationsversuch scheiterte hier an der damaligen Privatdozentenordnung, nach der nur männliche Bewerber zur Habilitation zugelassen werden konnten. Ein Antrag auf Dispens wurde vom Kultusminister abgelehnt. Vergeblich war Hilberts Einwand (der vielleicht nicht verbürgt ist, aber gern erzählt wird), er könne nicht einsehen, daß das Geschlecht der Kandidatin ein Argument gegen ihre Zulassung sei; schließlich handele es sich um eine Universität und nicht um eine Badeanstalt. Hilbert umging diese Ablehnung, indem er ihre Vorlesungen unter seinem Namen "Mit Unterstützung von Frl. Dr. E. Noether" ankündigte. Die Habilitation fand dann 1919 nach Ende des Krieges und der damit verbundenen Änderung der politischen Verhältnisse statt.

Nun konnte Emmy Noether selbständig Vorlesungen ankündigen, erhielt aber kein Gehalt, auch nicht nach Ernennung zum "Nicht-Beamten Ausserordentlichen Professor". Erst 1923 erhielt sie einen Lehrauftrag und somit wenigstens ein kleines festes Einkommen, konnte jetzt auch offiziell Schüler bis zum Examen führen, unter ihnen manchen später bekanntgewordenen Mathematiker wie z.B. - um nur einen zu nennen - Max Deuring, von 1950 - 1984 Ordinarius in Göttingen.

Emmy Noethers Bedeutung für die Mathematik kann nicht allein an ihren veröffentlichten Arbeiten abgelesen werden. In ihren Vorlesungen, meist vor einigen fortgeschrittenen Studenten und häufig ebenso vielen Dozenten und auswärtigen Gästen trug sie fast nie fertige Theorien vor, sondern meist solche, die erst im Werden begriffen waren. Immer spürte man dabei ihr Bemühen, algebraische Zusammenhänge auf die einfachsten abstrakten Begriffe zurückzuführen. Auf diese Art hat sie eine völlig neue Denkensweise eingeführt und damit wie kaum ein anderer die Entwicklung der modernen Algebra und anderer mathematischer Gebiete wie z.B. der Topologie beeinflußt. Hermann Weyl, der Nachfolger Hilberts 1930 - 1933 hielt Emmy Noether während dieser Zeit für das stärkste Zentrum mathematischer Aktivität in Göttingen. Bei seiner Berufung 1930 hatte er vergeblich versucht, für sie eine bessere Stellung zu erlangen; auch der Versuch, sie zum Mitglied der Göttingen Gesellschaft der Wissenschaften zu wählen, mißlang.

Kollegen, die Emmy Noether persönlich gekannt hatten, heben in Erinnerungen übereinstimmend ihre Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit für ihre eigene Person hervor, und sie betonten ihre menschliche Wärme. Stets war sie um das Schicksal ihrer Schüler besorgt.

Noch 1933, nach ihrer Entlassung, kümmerte sie dies mehr als ihre eigene Zukunft. Unter dem nationalsozialistischen Regime war sie eine der ersten, die ihre Stellung verlor. In den USA fand sie Aufnahme als Gastprofessor am Bryn Mawr Women's College und hielt regelmäßig Vorträge am Institute for Advanced Study in Princeton. Sie starb 1935 an den Folgen einer Operation. Nachrufe erschienen in der "New York Times", aber auch in Deutschland von van der Waerden in den "Mathematischen Annalen".